Die Sache mit dem Kühlschrank

“Hurra, hurra, der Kühlschrank, der ist endlich da! Hurra, hurra, der Kühlschrank, der ist da!” – Dass ein Kühlschrank so glücklich macht, passiert wohl nicht so häufig. Aber genau dies ist heute geschehen und zwar mir.

Als ich vor langer langer Zeit meine Wohnung mietete, fiel mir auf, dass es in der Türkei üblich ist, dass eine Küche zwar Möbel, aber keine Elektrogeräte enthält. Aber vieles importierte ich ohnehin mit der Umzugsfirma: Miniherd, Mixer, Toaster … nur einen Kühlschrank hatte ich nicht. Der letzte gehörte zu meiner letzten Wohnung und war ohnehin ein fürchterlich altes, lautes, stromfressendes Teil, das entweder alles fror (frozen yoghurt ist im Winter zum Frühstück nicht ganz so praktisch) oder das Minieisfach verflüssigte, wobei die Wahl bei Speiseeis ohnehin nur zwischen flüssig oder kristallisiert bestand.

Einen neuen Kühlschrank zu kaufen konnte ja nicht so kompliziert sein, dachte ich … Zunächst einmal stellte ich fest, dass jenes Produkt in der Türkei bedeutend mehr kostet als in der EU, mindestes 25% mehr. Zudem gibt es in den meisten Läden nur Großfamilienkühlschränke, praktisch für die türkische Kultur, unpraktisch für  alleinlebende deutsche Singles. Dann merkte ich, dass in den Elektrogeschäften niemand einer anderen als der türkischen Sprache mächtig war, so dass ich nicht wusste, wie ich die Lieferung überhaupt organisieren sollte. Und so vertagte ich die Anschaffung und stellte meine wenigen Lebensmittel auf den kleinen Balkon, was bei kühlem Wetter kein Problem war, aber leider gab es häufig Wetterumschwünge mit plötzlich viel höheren Temperaturen. Ergebnis: schwitzender Käse ist eklig, Wurst hielt sich gar nicht,  Brot auch nicht, türkischer Jogurt jedoch schon. Meistens kaufte ich sehr geringe Mengen oder ging gleich auswärts essen. Denn selbst Tiefkühlpizza gibt es hier nur im Viererpack und aufgeweichte Pizza ist definitiv kein kulinarischer Genuss – ich habe es getestet. Also schaute ich doch wieder nach einem Kühlschrank aus – und fand das (vermeintlich) perfekte Modell, zur gleichen Zeit übrigens wie den (vermeintlich) perfekten Mann. Das Gerät im Baumarkt im Cevahir-Shoppingcenter hatte ein nicht zu großes Kühlfach und statt einem integrierten, ein aufgesetztes Gefrierfach. Der Mann versprach mir, mir beim Kauf zu helfen. Aber nach drei Monaten voller Geduld dämmerte mir langsam, dass das Versprechen vielleicht kein festes war.

Der Kühlschrank, der meine Woche und Laune rettete. Sofort mit meinen ersten Magneten geschmückt 🙂

Und so machte ich mich im vierten Monat wieder allein auf den Weg zum Baumarkt, nur um zu erfahren, dass mein Lieblingsmodell gerade nicht auf Lager war – aber ich solle in ein paar Tagen wiederkommen. Tat ich, um zu erfahren, dass der Kühlschrank nicht mehr verfügbar war. Nie wieder. Geduld ist also nicht immer vorteilhaft.

Neues Einkaufszentrum, neuer Elektromarkt, neues Glück. Neuerdings gibt es auf der Istiklal Caddesi im Demirören-Center Saturn. Nachdem ich endlich auf die Idee gekommen war, die für den Kühlschrank vorgesehene Lücke in meiner Küche auszumessen, ging ich am Sonntag zielbewusst los und wählte unter den verfügbaren Kühl-Gefrierkombinationen die kleinste (“nur” 322 Liter), im Stromverbrauch günstigste (abgesehen von dem 2500 Lira-Siemensmodell) und billigste (800 Lira ≈ 370 Euro, dasselbe Modell kostet in der EU  übrigens 230 €). Übrigens gab es von meinem Wunsch- nur noch das Ausstellungsmodell, diesmal schlug ich sofort zu. Ich kaufte auch noch die zusätzliche Garantieverlängerung auf 5 Jahre, bei meinem Glück eine wichtige Sache (nun weiß ich wenigstens, dass der Kühlschrank durchhalten wird), gleichzeitig meine gekaufte Garantie, auch die nächsten 5 Jahre wie geplant hier zu bleiben. Halb Englisch, halb Türkisch wickelte ich mit den netten männlichen Mitarbeitern, die mich ansahen, als wäre ich die erste und einzige Frau, die ganz allein einen Kühlschrank kaufte, den Kauf ab. Saturn bietet außerdem einen kostenlosen Lieferservice und zu meiner Begeisterung wurde auch groß auf der Rechnung vermerkt, dass die Lieferung am nächsten Tag erst nach 15 Uhr erfolgen sollte, weil ich ja arbeiten musste.

Aber dann kam der Montag, also gestern. Und wenn ein Tag schon “so wunderschön beginnt, ist alles drin”, das erste Mal platzte mir der Kragen schon vorm Frühstück,  da darf man vom türkischen Organisationstalent keine Wunder erwarten. Um 11 klingelte mitten im Unterricht mein Handy und einer meiner Schüler übernahm die Simultanübersetzung: Mein Kühlschrank stehe vor der Tür, warum ich nicht zu Hause sei. Wie, ich arbeite. Da stehe nichts von Lieferung nach 15 Uhr. So etwas gebe es überhaupt nicht. Dann eben morgen. Also um 10. Aber um 9 wäre besser. Wie, um 9 gehe nicht. Wie, ich arbeite …  Bevor ich meine Aggression am Nachmittag durch Fensterputzen abbaute, schrieb ich Saturn noch eine Beschwerdemail auf Türkisch.

Definitiv nicht mein Wunschberuf

Heute früh an meinem kurzen Arbeitstag erhielt ich dann wieder einen Anruf, erklärte, ich wäre in 15 Minuten zu Hause, raste um zehn vor zehn aus der Schule und ließ mich sogar von einem Taxi im Eiltempo nach Hause fahren. Genau als ich ausstieg, bog auch das Lieferauto in meine Straße und zehn Minuten später stand mein wunderschöner neuer Kühlschrank in meiner wunderschönen Küche. Und als ich hinter den zwei Herren die Tür geschlossen hatte, sprang ich herum und sang lautstark: “Hurra, hurra, der Kühlschrank, der ist endlich da …”

P.s. Meine Beschwerde wurde übrigens verstanden, ich erhielt heute eine Entschuldigung als Antwort. In gewissen Situationen wächst mein Türkisch über sich hinaus.

P.p.s. Die ersten Tiefkühlpizzen sind eingefroren.

P.p.p.s. Als Nächstes plane ich folgende Anschaffungen: eine Geschirrspülmaschine (man denke an die Zeitersparnis! aber ich bin mir nicht sicher, ob meine Türkischkenntnisse und Nerven im Moment einen Klempner aushalten) und einen Staubsaugerroboter (man denke an die Zeitersparnis! aber im normalen Elektrogeschäft gibt es die hier nicht, wahrscheinlich stellen sie eine Beleidigung der guten türkischen Hausfrau dar, die den ganzen Tag zu Hause mit Putzen verbringt – ich beobachte das immer an den Ehefrauen im Haus gegenüber).

© janavar

(erstmals veröffentlicht am 5. April 2011)

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