Mein Freund, der Park

Meinen neuen Lieblingsplatz für den allmählich heiß werdenden, da die 30°C-Marke überschreitenden Sommer habe ich neulich zufällig entdeckt, als ich durch unseren Stadtteil streifte: ein schattiger Park mit alten, hohen Bäumen und einem beliebten Teegarten im Viertel Kartaltepe.

Dort kann ich stundenlang im Teegarten sitzen und lesen oder die Leute um mich herum beobachten. Gestern zum Beispiel war dort ein Ehepaar, deren gescheckter Welpe mit riesigen Wackelohren einen extra-Stuhl bekommen hat (habe mich leider nicht getraut, ein Foto zu machen, weil ich bei so etwas immer zu auffällig bin). Es gibt immer ältere Herren, die Backgammon (oder wie es hier heißt: tavla) spielen. Frauen im mittleren oder älteren Alter, die sich zum Quatschen treffen. Paare, die sich treffen. Einzelpersonen, so wie ich, die ihre absolute Ruhe haben und Zeitung oder Bücher lesen oder Kreuzworträtsel ausfüllen. Mütter, die zurückgelehnt beobachten, wie ihre kleinen Kinder auf Dreirädern durch die Tischreihen gurken. Dicke Katzen, die von Tisch zu Tisch schlendern und nicht einmal um Essen betteln. An meiner Tasche schnuppern sie immer besonders lange, wohl wegen dem zarten Duft meines Katerchens.

Außerhalb des Teegartens treffen sich Jugendliche, die tatsächlich mit ihren Motorrollern durch den Park brettern – das würde in Deutschland niemand machen, oder?! Es gibt einen Spielplatz und noch viele Bänke unter den hohen Bäumen. Die Parkbesucher sind auch völlig gemischt: ich mit kurzem Kleid (ich gehe sonst ein vor Hitze), alte Männer mit lustigen Cappys, junge Mädchen mit kurzen Hosen oder Röcken, Leute in Jeans, Frauen mit Turban, Frauen mit Kopftuch, Schwangere mit süßen T-Shirts oder langen, weiten Kleidern, einige Frauen im Çarşaf, tätowierte Männer mit Kampfhunden, viele kleine Kinder mit ihren Müttern oder Großeltern …

Ich mag den Teegarten auch deshalb, weil man dort ewig sitzen kann, ohne ständig etwas bestellen zu müssen. Ein Tee  kostet 1 Lira, ein Toast 2,50 Lira. Mein Durchschnitt ist ein Tee pro Stunde :-). Im Hintergrund ertönt leise Musik, die aber während der Gebetszeiten abgestellt wird.

Gestern hat mich sogar einer meiner Schüler zufällig gesehen, ist an meinen Tisch gekommen und wir haben uns gute zwanzig Minuten auf Deutsch unterhalten, was ihm offensichtlich Spaß gemacht hat, zumal “es so wenig Ausländer hier im Viertel gibt”. Und dann meinte er noch, die langen Ferien würden schnell langweilig – das kann ich ja so gar nicht nachvollziehen.

Im Moment gehe ich während der Mittagshitze am liebsten in diesen Millet Parki (Nationen-/Volkspark), aber ich brauche neue Lektüre, weil der Schafskrimi sich so gut und schnell weglesen ließ. Habt ihr eine Empfehlung für mich?

Wo ist euer Lieblingsplatz im Sommer?

P.s. Als ich gerade noch einmal die Schreibweise von “tavla” bei pons.de kontrolliert habe, habe ich direkt gelernt, dass das gleiche Wort auch Pferdestall bedeutet. Das daraus abgeleitete Verb tavlamak bedeutet sowohl verführen als auch betrügen. Was das wieder alles über die türkische Sprache und vor allem über die Kultur aussagt …

© janavar

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One Response to “Mein Freund, der Park”

  1. September 28, 2012 at 9:31 am #
    Thanks for the article. this was just what I needed today

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