Die Gesichter des Protests #direngezi

Gestern habe ich nichts gepostet, weil ich wieder auf dem Taksimplatz war und dort viele Fotos geschossen habe. Die Atmosphäre war sehr angenehm, als meine Freundin und ich sowohl am frühen Nachmittag als auch am Abend durch den Gezi Parki und über den Platz spaziert sind.

Zwischendurch hielt Erdoğan eine Rede in Tunis, in der er deutlich machte, dass er an all seinen Plänen festhalte – der Gezi Parki werde abgeholzt, die terroristischen Demonstranten verfolgt. Sofort brachen die Aktienkurse in Istanbul um mehr als 4 % ein.

Viel schlimmer als diese Tunis-Rede war aber seine Rede heute Nacht, die er vor drei- bis zehntausend AKP-Anhängern am Atatürk-Flughafen hielt und deutlich von Gewalt gegen die Demonstranten für die Erhaltung der seiner Demokratie sprach. Interessant, dass er seine Anhänger dazu aufrief, sich über das Internet zu organisieren, während er vor ein paar Tagen dasselbe zum Teufelswerk erklärt hatte und über zwanzig aktive Twitterer verhaften ließ. Inzwischen ist bekannt, dass die AKP ihre Anhänger selbst in Bussen zum Flughafen fuhr. Erdoğans Flugzeug sei vor der Landung extra länger gekreist, um auf mehr Anhänger zu warten. Die Metro war umsonst und wurde ausnahmsweise bis 4 Uhr geöffnet (sonst schließt sie um Mitternacht) für die Fans. Spezielle Einladungen wurden per SMS und in den sozialen Netzwerken verbreitet, um so viele Anhänger wie möglich dorthin zu bringen. Einige sollen sogar Geld und kleine Geschenke für ihr Kommen erhalten haben. Im Gegenzug schrien sie, dass Erdoğan ihr einziger Führer sei; dass sie den Taksim stürmen wollten; dass den Demonstranten, die sich gegen die Polizisten gestellt hatten, die Hände abgehackt werden sollten …

Beobachter berichten, dass mehr als 90 % der Flughafenfans Männer waren, während sich die Proteste aus 60 % Männern und 40 % Frauen zusammensetzen. Die Demonstranten sind bunt gemischt, hier meine Bilder von ihnen:

Demonstranten können kostenloses Essen bekommen. Es wird offenbar sehr viel gespendet. Außerdem gibt es in dem Park und auf dem Platz auch “Apotheken” und Erste-Hilfe-Zelte.

Auf dem rechten Bild sieht man, wie die Demonstranten einen kleinen Garten anlegen. Genau dort wurden sie zuerst von den Polizisten und Bulldozern angegriffen. Nun werden hier Blumen und kleine Bäume gepflanzt. Überhaupt sind die Demonstranten sehr vernünftig: ganze Gruppen laufen herum und sammeln den Müll ein, fegen die Straßen. In Gümüşsuyu haben sie angefangen, die auseinandergenommenen Gehwege wieder zu legen.

Lesen und Bücher sind ein wichtiger Bestandteil. Viele sitzen einfach nur da und lesen, um die Bedeutung der Bildung und die Kritik am derzeitigen Bildungssystem zu äußern. In einem anderen Teil des Parks wurde eine provisorische Bibliothek gebaut. Ich habe dort gestern meine englische Ausgabe von George Orwells “1984” gespendet.

Wenige Sekunden später wurde die alte Frau von zwei Demonstranten aufgehoben und weggetragen, weil sie etwas anderes sehen wollte. Auch viele alte Leute nehmen an den Protesten teil.

Bei den Protesten geht es nicht um Staatsgründer Atatürk als Person, sondern um die Grundlagen, die er für die Türkische Republik geschaffen hat: Demokratie, Laizismus, wobei letzterer heute nicht mehr so streng genommen wird. Religion soll laut der Demonstranten nicht verdrängt werden, sondern ihren Platz behalten, genauso wie alle anderen Lebensstile. Heute darf man Kopftuch tragen, man soll aber auch ohne Probleme Alkohol trinken dürfen.

Die Frauen rechts waren Teil einer großen Universitätsdemonstration. Zum Teil gehen Unis geschlossen demonstrieren. Viele haben die Klausuren nun am Ende des Semesters verschoben.

Auch die Sportler protestieren. Eine riesige Gruppe von Sportlern lief gestern Abend durch den Park.

Nachts wurden viele Himmelslaternen steigen gelassen, was sehr hübsch aussah.

Zu den Demonstranten gehören alle möglichen Gruppen aus dem Volk, ich habe auch tanzende Kurden gesehen, Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten, antikapitalistische strenge Musliminnen mit Kopftuch und zum Teil sogar ganz in schwarz, strenge Kemalisten, Bankangestellte, gebildete Studenten und ihre Professoren, einfache Arbeiter … Noch nie in der türkischen Geschichte waren so viele verschiedene Gruppierungen vereint, das muss man Erdoğan wirklich zugutehalten!

© janavar

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