Das erste Mal als papa-paparazzi

Gestern war ein Tag, an dem eine ganze Menge schief lief, so dass ich den Resttag am liebsten mit einer Decke über dem Kopf zu Hause verbringen wollte. Aber es kommt ja häufig anders als gedacht. So fragte mich meine türkische Freundin E., ob ich spontan mit ihr in die Oper gehen wollte. Wollte ich und stöckelte bald die etwa zwei Kilometer zur Fähre in Beşiktaş. Zu Fuß auf sieben-Zentimeter-Absätzchen, weil der Verkehr auf der Meclis-i Mebusan Caddesi und der Dolmabahçe Caddesi, die direkt am Bosporus entlang führen, zur Feierabendzeit grundsätzlich verstopft sind. Eine Taxifahrt wäre zwar bequemer gewesen, hätte aber etwa doppelt so lang als mein dreißigminütiger Spaziergang gedauert.

Da wir uns ein paar Wochen nicht gesehen haben, brachten E. und ich uns beim Tee auf der Fähre hinüber ins ferne Asien und bei einem netten Abendessen auf den neusten Stand. Sie erzählte von ihrer vielen Arbeit, ich von meiner. Zusätzlich hatte ich an anderer Stelle noch Pippi in den Augen und wir verzichteten auf das entsprechende Thema. Und schließlich war es endlich Zeit für die Oper selbst: Früher befand sich die Staatsoper Istanbuls direkt am Taksimplatz im heute leer stehenden und auf den Verfall wartenden Atatürk-Kulturzentrum; heute ist sie im Süreyya Opernhaus in Kadiköy, das bis 2007 ein Kino war und mit seinem Stuck und vielen fetten Engelchen mitteleuropäisch-barock erscheint. Im Foyer waren traditionelle Kleider der christlichen und islamischen Kultur ausgestellt, im ersten Stock lockte ein nettes Café. Aber wir waren ja in erster Linie dort, um uns Franz Lehárs Operette “Die lustige Witwe” anzuschauen. Die Aufführung fand auf Türkisch statt, außerdem wurden die kompletten Liedtexte auf einem Bildschirm über der Bühne eingeblendet. Mit Hilfe der leichten Handlung, der eingängigen Musik, der guten Schauspielerei und meinen wachsenden Türkischkenntnissen verstand ich die Operette ziemlich gut, wobei die Inszenierung der letzten zwei Akte bedeutend besser war als die des ersten. Das Bühnenbild war sehr schlicht, die Kostüme dafür umso glitzernder und aufwändiger. Dass lila gerade modern ist, spiegelte sich auch wieder. Zudem fand ich als alte Fanatikerin sämtliche Damenschuhe sehr sehr schön – schmale, hohe Pumps in verschiedenen Farben und zum Teil mit viel Glitzer. Selbst nachdem Hanna und Danilo, die beiden Hauptfiguren, sich in die Arme fielen, summten E. und ich immer noch die eingängigen, beschwingten Melodien. Und ich lernte durch E. sogar den Opernsänger des Danilo kennen. Und den Dirigenten, der zufällig ein Absolvent meiner Schule hier war und sich sofort verpflichtet fühlte, mir wenigstens einen Satz auf Deutsch zu sagen.

Als wir im Minibus nach Europa saßen, freute ich mich nach der anstrengenden Woche auf mein Bett – aber landete dort noch lange nicht. Plötzlich fand ich mich auf einer geschlossenen Veranstaltung in Taksim auf der Süreyya Teras des Hotels Troya wieder. Wo die Reichen und Schönen Istanbuls saßen. Die mit den echten Louis-Vuitton-Taschen und eindeutigen Nasenkorrekturen, Brustvergrößerungen und Botoxinjektionen. Die mit den knochigen Figürchen und winzigen Hintern (und ja, natürlich spricht hier ein wenig Neid aus mir, dass ihre Beckenknochen nicht ganz so breit wie meine sind, denn sonst gäbe es kaum Unterschiede zwischen uns). Die Männer waren durchtrainiert, hatte coole Sachen an und sexy Dreitagebärte. Gefeiert wurde der 25. Geburtstag einer Dame namens Özge Özpirinçci – eine Seriendarstellerin – die Engelsflügelchen auf dem Kopf hatte und einen riesigen Federohrring und die – leider – die Freundin des Schauspielers und Moderators Engin Altan ist. Der auch dort war und den ich, wie ich befürchte, sehr lange mit offenem Mund und sabbernd anstarrte. Rrrrrrrrrr!!! Äußerst heißer Typ! Die meisten Gäste waren wohl auch Schauspieler und Models, was mich dazu verleitet, mir endlich und zügig einen Fernseher zu kaufen.

Und ich brauche eindeutig eine bessere Kamera bis zum nächsten Paparazzi-Event 😉

Dann lernte ich auch noch den berühmten türkischen Sänger Ümit Besen kennen, der dort auf der Dachterrasse auftrat. Er macht eher traditionelle Musik. Jeder der Gäste – außer mir – kannte jedes seiner Lieder und sang laut mit.

Ich war restlos begeistert und kurz vorm Hyperventilieren, während ich guten Rotwein schlürfte und diese mir unbekannte Welt beobachtete: Man rauchte drinnen – die Frau mir gegenüber sogar mit chicer Zigarettenspitze, man trank Bier aus Flaschen, man sang abwechselnd, tanzte viel, bewegte sich elegant in modernen, d.h. sehr kurzen und/oder engen Outfits und auf hübschen Killerhighheels und hatte eine Menge Spaß. Und ich war mittendrin. Als ich irgendwann wirklich endlich totmüde im Bett lag, war mein letzter Gedanke vor meinem Tiefenschlaf: Ich liebe die ganzen Überraschungen, die mir mein spannendes Leben bietet. Denn bei mir passiert immer was!

Eines von Ümit Besens berühmten, meist traurigen Liebesliedern:

© janavar

(erstmals veröffentlicht am 2. April 2011)

 

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