Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Ostern 2012 gehört für mich zu den Dingen, die die Welt wirklich nicht gebraucht hat. Das begann schon Mittwoch Abend, als ich mir entweder an einem Hähnchendöner oder beim Eierabkochen durch Bakterien auf den Schalen den Magen verdarb und 48 Stunden in erster Linie auf dem Sofa in die Luft stierte und nichts essen konnte. Sonnabend fühlte ich mich immer noch geschwächt und mein Immunsystem hatte den Nahrungsengpass auch direkt genutzt, um meine Nasennebenhöhlen zu entzünden.

Und so lag ich denn Sonntag früh im Bett und konnte vor Nasennebenhöhlenschmerzen nicht schlafen. So lauschte ich dem Imam und seinem ersten Gebetsruf des Tages und dachte, dass es draußen noch verdammt dunkel für den Sonnenaufgang war. Bis mir einfiel, dass unser Fenster nach Westen zeigte und im Osten ja vielleicht durchaus ein Schimmer zu erkennen sein könnte. Weil ich weiter nicht schlafen konnte, sah ich kurze Zeit später mal auf mein Handy: 5:47 Uhr. Ich könnte ja mal auf die Toilette gehen, aber Y. will ich auch nicht wecken. Und der Kater kommt dann auch sofort ins Schlafzimmer, obwohl ich ihn doch am Abend extra ausgesperrt hatte, nachdem er in meine Füße gebissen hatte. Also doch noch ein bisschen hin- und herdrehen, möglichst geräuschlos.

Hm, warum ist es denn plötzlich so hell vor der Schlafzimmertür? So schnell kann die Sonne doch wohl nicht aufgehen. Ah, bestimmt hat mein schlaues Katerchen wieder in der Küche Licht angemacht, das ist ihm vorher schon einmal gelungen und in der alten Wohnung auch. Da höre ich auch ein paar Geräusche, seine innere Uhr scheint nicht ganz zu funktionieren, sonst wird er nie vor halb sieben aktiv. Gut, dann stehe ich jetzt doch kurz auf, mache das Licht wieder aus (das kann der Kater nämlich (noch) nicht), gehe auf Toilette und bringe mein Lieblingstier dann zum Kuscheln und zur Belohnung doch mit ins Bett. Bestimmt läuft er mir sowieso gleich entgegen.

Als ich die Tür öffne, merke ich aber, dass nicht in der Küche, sondern im Wohnzimmer Licht an ist. Moment, an den Schalter kommt der Kater doch gar nicht. Im selben Augenblick geht das Licht aus und ich sehe einen schwarz gekleideten Mann und er sieht mich wohl auch – und ich schreie, schreie, schreie – und er läuft in den Flur – und ich schreie unkontrolliert und aus meinem allertiefsten Inneren – und Y. wacht auf – und ich schreie und zeige in den Flur und stolpere fast nackt zurück ins Schlafzimmer – und ich schreie so laut, dass die ersten Nachbarn reagieren – und Y. fragt mich, was los ist, ob der Kater tot ist – und ich schreie und zeige in den Flur und kann in keiner Sprache etwas sagen.

Irgendwann höre ich auf zu schreien – wahrscheinlich schon nach einigen Sekunden, Y. ist hellwach und zieht sich an und ich sage ihm, dass da ein schwarzer Mann in unserem Wohnzimmer war. Die Nachbarn kommen auf die Treppe und fragen, was los ist. Ich drücke Y. unsere größte Bratpfanne in die Hand und schnappe mir selbst die kleinere und wir durchsuchen die Wohnung, vom schwarzen Mann keine Spur. Wahrscheinlich ist er sofort durch die Wohnungstür geflüchtet. Zum Glück ist auch nichts verschwunden. Die Polizei kann man in der Türkei nicht rufen, wenn es überhaupt keine offensichtlichen Einbruchsspuren gibt, erklärt mir Y. Ich lache und weine. Y. ist froh, dass wenigstens der Kater lebt. Um halb sieben am Ostersonntag habe ich mich soweit beruhigt, dass wir Tee trinken können.

Der Mann muss Schlüssel sowohl für die Haustür unten als auch für unsere Wohnungstür besessen haben. Die bekannteste Geschichte hier überhaupt: bevor man einzieht, wird die Wohnung oft (zum Teil) rennoviert, die Arbeiter machen die Schlüssel nach und geben sie weiter an Bekannte (bekannte Diebe). Die warten, bis man schön in der Wohnung lebt, bevor sie sie wieder ungefragt ausräumen. Y. und ich waren sogar so clever, eines der beiden Wohnungsschlösser auszuwechseln, nur hatten wir die Tür nicht abgeschlossen – was sicher nie wieder passieren wird. Außerdem will ich eine Sicherheitskette und am besten noch eine Alarmanlage. Vorerst schicke ich Y. ständig durch die Wohnung, um alle Zimmer zu kontrollieren. Und ich selbst bewege mich fast ausschließlich mit Bratpfanne durch dieselbe. Ich werde noch eine gute, handliche gusseiserne Pfanne kaufen und beim nächsten Mal kommt der Dieb hier nicht stehend raus. Obwohl Y. ja meint, der Dieb könne froh sein, wenn er von meinem Urschrei keinen Herzinfarkt bekommen habe. Er und der Kater scheinen auf jeden Fall von meinem Schrei fürs Leben gezeichnet. Die Armen!

Am Ende danke ich noch meinen Nasennebenhöhlen für ihre Entzündung, denn normalerweise schlafe ich so fest, dass ich nicht einmal eine Feuersirene höre (auch wenn mein Immunsystem nun allen Schutz verloren hat)!

© janavar

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One Response to “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?”

  1. April 9, 2012 at 4:09 pm #
    Vielleicht ergibt ja doch immer alles irgendwie einen Sinn :)

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