Neue Protestwelle in der Türkei

In den letzten zwei Tagen sind die Proteste in der Türkei wieder aufgeflammt. Die, die meine Facebookseite verfolgen, haben die vielen Fotos und Artikel gesehen, die ich weitergepostet habe. Was ist genau passiert?

Am Dienstag ist der 15-jährige Berkin Elvan nach 269 Tagen im Koma gestorben. Er war im letzten Juni während der Gezi-Park-Proteste in seinem Viertel auf dem Weg zum Bäcker, als er versehentlich zwischen die Fronten kam und laut Zeugen aus unmittelbarer Nähe von einem Polizisten mit einer Tränengrasgranate beschossen und am Kopf schwer verletzt wurde.

Der Tod eines unschuldigen Jugendlichen hat ausgereicht, um die Protestbewegung am Dienstag binnen weniger Stunden wieder zu mobilisieren. Schon am Abend gab es in vielen türkischen Städten Demonstrationen, fast überall wurden Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Gestern, also am Mittwoch, fanden ab 12 Uhr in Istanbul der Trauermarsch und die Beerdigung Berkins statt. Viele Schüler boykottierten die Schule, um dorthin zu gehen. Die Straßen waren voll und sobald die Beerdigung beendet war, griff die Polizei die Menschenmenge an – um zu verhindern, dass sie weiter zum Taksimplatz ziehen und vielleicht wieder den Gezi Park besetzen würde.

Hunderttausende versammelten sich für den Trauermarsch

In Ankara griff die Polizei ebenfalls am frühen Nachmittag die Demonstranten an, die sich zum Trauern versammelt hatten. Im Laufe des Tages kam es auch in anderen türkischen Städten wieder zu Ausschreitungen. Am Ende gab es zwei weitere Todesfälle, u.a. erlitt ein Polizist in Tunceli wegen zu viel Tränengas einen Herzinfarkt.

Die Regierung hat der Familie Berkins kein Beileid ausgesprochen, sondern währenddessen ihren Wahlkampf für die Regionalwahlen in zweieinhalb Wochen fortgeführt. Ministerpräsident Erdoğan, den die Demonstranten vor allem für den Tod verantwortlich machen, weil er den Polizisten den Befehl zum Kampf gegen die Proteste gegeben hat, hat sogar behauptet, die Familie hätte die Berkin am Leben haltenden Maschinen absichtlich so kurz vor den Regionalwahlen abgestellt, um der AKP, der Regierungspartei, zu schaden. Außerdem erklärt er auf Wahlkampfveranstaltungen, dass seine neue Türkei gegen die alte gewinnen werde, und rezitiert ganz offen das Gedicht, wofür er 1998 im Gefängnis landete: “Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

In letzter Zeit steht die Regierung ohnehin immer mehr unter Druck, seitdem ein großflächiger Bestechungs- und Geldwäscheapparat unter ihnen und ihren Unterstützern aufgedeckt wurde (die Polizisten der Ermittlungskommission sind inzwischen auf Anweisung Erdoğans zur Verkehrspolizei versetzt worden) und seitdem immer mehr abgehörte Telefonate auftauchen, die beweisen, wie viel Druck Erdoğan beispielsweise auf die Medien ausübt.

Der Stadtteil, durch den der Trauermarsch verlief, gestern Nachmittag direkt nach Ende der Beerdigung, Quelle: Riot News Turkey (Facebook-Gruppe)

Durch die ganze Instabilität fällt der Türkische Lira rapide, letzte Woche stand er noch bei 3,03 Lira = 1 €, heute sind es schon 3,10 Lira.

Was in nächster Zeit passiert, ist kaum absehbar. Ich war dieses Mal nicht bei den Protesten, weil ich viel Arbeit zu Hause liegen habe und ich mich ohne den Lieblingsmenschen dort nicht sicher fühle, aber der musste auch lange arbeiten. Hier in unserem Stadtteil ist von den Unruhen nichts zu spüren, was aber daran liegt, dass Bakirköy traditionell von der Oppositionspartei CHP regiert wird – etwas anderes würde der Mix aus Muslimen, griechischen und armenischen Christen zum Glück nicht zulassen. Mit Sicherheit wird es so kurz vor den Wahlen aber insgesamt nicht ruhiger werden. Im Grunde hat Erdoğan Recht: Berkin ist zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt gestorben. Zumindest was Erdoğan selbst und seine Partei betrifft. Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

© Janavar

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