Istanbul, seni seviyorum!*

* Istanbul, ich liebe dich!

Heute vor genau drei Monaten reiste ich mit meinen zwei Koffern in Istanbul ein. Das heißt, ich habe mittlerweile 13 Wochen oder 91 Tage oder 2184 Stunden oder 131040 Minuten oder 7862400 Sekunden in dieser einzigartigen Stadt verbracht. Okay, einmal verließ ich die Stadt für etwa zwanzig Stunden, um im Yedigöller Milli Parkı (Sieben Seen Nationalpark) zu wandern.

Drei Monate Istanbul – und ich habe mich noch nicht einmal so richtig gelangweilt, – und ich habe noch nicht einmal einen Bruchteil der Stadt gesehen, – und trotzdem ist in diesen letzten Monaten so wahnsinnig viel passiert, dass ich wohl noch meinen Enkeln von genau dieser Zeit erzählen werde (bzw. die können dann einfach mein Blog lesen).

Als im Sommer feststand, dass ich hierher ziehen würde, reagierten meine Familie und Freunde unterschiedlich:

  • eine meiner ältesten Freundinnen, B. meinte: “Das ist genau das Richtige für dich. Das ist das Leben, auf das du immer gewartet hast.”
  • meine deutsch-türkische Freundin D.: “Istanbul ist fantastisch. Istanbul ist nicht türkisch, sondern eine große, moderne Weltstadt, in der auch alle im Minirock herumlaufen.”
  • meine Oma forderte: “Was willst du denn bei den Türken? In Mecklenburg gibt es doch auch genug Jobs für dich.”
  • und meine Mutti hat einfach nur geweint, weil ich nun wirklich auswanderte, nachdem ich seit meinem elften Lebensjahr permanent davon geredet hatte, während mein Papa einfach meiner Freundin B. zustimmte.

Bereut habe ich meine Entscheidung bisher nichte einmal, auch wenn kaum jemand in Miniröcken durch die Stadt läuft, auch wenn ich fast die ersten zwei Monate ohne Möbel lebte, auch wenn meine Nachbarin eine blöde Kuh ist, auch wenn es manchmal tagelang fürchterlich regnet, auch wenn ich die Sprache nicht schnell lerne. Aber dafür liegt über der Millionenstadt immer noch dieser besondere Zauber, wenn ich morgens an der Tram ein paar Minuten auf das schwappende Wasser des Bosporus starre; wenn ich einen neuen Bosporusblick irgendwo in der Stadt entdecke; wenn ich plötzlich eine neue Sprach-Erkenntnis habe (heute z.B. istemek bedeutet sowohl wollen als auch mögen); wenn ich über den Großen Basar schlendere und die Verkäufer ganz schnell ruhig sind, wenn ich “Hayır, teşekkür.” (Nein, danke.) sage; wenn ich täglich den niedlichen schwarzen Kater in der Tür des Schlachters an der Ecke sehe; wenn ich einfach stehen bleibe und die Istanbuler Luft tief einatme und denke, jetzt gerade ist alles schön.

Nachdem ich während meines Studiums und Referendariats über interkulturelle Kommunikation vor allem in der Theorie geredet und geschrieben habe (sogar in meiner Zweiten Staatsexamensarbeit), erlebe ich das Ganze nun erst so richtig in der Praxis. Auf den Stufen der Integration befinde ich mich weiterhin auf der ersten, der Akkomodation, d.h. ich erwerbe sprachliche Fähigkeiten und Wissen über die sozialen Regeln hier. Aber jeder kleine Schritt zur Integration ist in der Praxis weitaus schwieriger als gedacht, egal was pseudoschlaue Leute zur Zeit in den Medien behaupten. Ich gehe beispielsweise ungern überall dorthin, wo ich wirklich die türkische Sprache brauche, z.B. in Banken und kleinen Tante-Emma-Läden. Ich finde es unangehm, überall von Männern schräg angequatscht zu werden und überhaupt, dass das öffentliche Bild von Männern dominiert wird.

Aber dann passieren auch wieder diese kleinen besonderen Momente: Als ich heute nach Hause kam, hockte ein alter, hilfloser Mann auf der Treppe zu meiner Straße. Er war auf den nassen Stufen ausgerutscht und hatte sogar seinen Schirm verloren. Ich half ihm auf und wollte ihm die Treppe ganz hinunter helfen. Plötzlich antwortete er mir auf Deutsch mit leichtem türkischen Akzent: “Nein, das geht doch nicht. Ich bin doch ein Mann. – Ich bin schon zweiundachtzig. – Danke sehr.” Ich stützte ihn also nur dort, wo uns niemand sehen konnte, und passte auf, dass er auf seinen alten, wackligen Beinen heil unten ankam.

Und sonst? Ich verstehe mittlerweile die Bildunterschriften der türkischen Instyle; nach dem ersten Farbschock mag ich die billigen, aber qualitativ hochwertigen Nagellacke in ihren hunderten Rot- und Rosatönen; ich liebe meinen Job und arbeite gern lange dafür ohne mich permanent gestresst zu fühlen; ich esse gern den türkischen Naturjoghurt und habe mich auch an die Knoblauchrinderwurst gewöhnt; mittlerweile bekomme ich vom vielen Laufen und Bergsteigen in Istanbul keinen Muskelkater mehr; trotz (oder vielleicht gerade wegen) aller Warnungen bezüglich der fantastischen türkischen Süßigkeiten habe ich in den drei Monaten drei Kilo abgenommen; ich habe neue Freunde gefunden, die mit mir den Istanbuler Großstadtdschungel erforschen; ich schreibe endlich wieder regelmäßig, was ich das letzte Mal als Chefredakteurin der Schülerzeitung von der neunten bis zur dreizehnten Klasse durchgehalten habe; ich habe mein inneres Gleichgewicht gefunden und habe tatsächlich das Leben, von dem ich die letzten fünfzehn Jahre träumte. Und wenn es so bleibt wie in diesen ersten drei Monaten, werde ich wohl noch eine lange Zeit in der zwar nur drittgrößten, aber wohl wunderbarsten Metropole der Welt verbringen!

© janavar

(erstmals veröffentlicht am 16. Dezember 2010)

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