Ich bin die Coolste, wenn ich cruise

„Ach zum Glück isst du!“ So Muttis Seufzer der Erleichterung beim letzten Telefonat. Ja, sie macht sich Sorgen um ihr einziges Kind, wobei die am größten sind, wenn es ums Autofahren geht. Dafür gibt es einige nachvollziehbare Gründe:

1. Wenn etwas schiefgeht, dann geht es bei mir schief:

  • Fahrradfahrer sollte man mit Vorsicht überholen, schon gar nicht bei Überholverbot und erst recht nicht mit nur einem halben Meter Abstand. Das habe ich in der praktischen Fahrprüfung gelernt, also in der ersten von zwei. Ach ja, beim Telefonieren danach nahmen mir meine Eltern meinen Tränenfluss fünf Minuten lang nicht ab und meinten, ich schauspielere vor lauter Freude …
  • Die Kohlebürsten von Papas Auto gaben genau in dem Moment auf, als ich auf dem Schulparkplatz stand (ca. im Jahre 2002) und alle meine Freundinnen stolz nach Hause kutschieren wollte. Nur sprang der Motor nicht mehr an, die Mädels mussten den Schulbus nehmen und Papa kam zur Hilfe, indem er 10km mit dem Fahrrad bis zum nächsten Bus und mit selbigem dann in die Stadt fuhr, um mir zu helfen.
  • An Opas 92. Geburtstag wollte ich von seinem Dorf die 2km in unser Dorf mit Papas Auto (dasselbe wie oben) fahren, leider stoppte der Motor mitten in der großen Kurve und so segelten das Auto und ich quer über die Straße auf das nächste Feld. Wenigstens war die nächste Straßenlaterne zehn Meter entfernt und es hatte die Tage vorher geregnet, so dass das Auto trotz ordentlich Schwung in die Matsche sackte. Kleinlaut rief ich auf der Geburtstagsfeier an, mein Onkel zog uns wieder auf die Straße, während er zeterte, wir würden seinen Wagen dreckig machen. Unser Auto landete in der Werkstatt und wegen Unreparierbarkeit auf dem Schrottplatz. Warum ich eigentlich nach Hause wollte? Mein Opa hatte in seinem Haus aus den 1950ern immer noch ein Plumsklo und davor ekelte ich mich …

2. Orientierung gehört nicht zu den ausgeprägten Fähigkeiten in meiner Familie:

  • Ich erinnere mich, dass wir immer den Hinweg, aber grundsätzlich nie den Rückweg fanden. Papa schob es auf die Nichtkartenlesfertigkeiten von Mutti, die es wiederum auf Papas geringes Erinnerungsvermögen.
  • Es war Anfang Mai 2008. Papa lieh mir sein Auto für ein paar wichtige Einkäufe, die ich ins Studentenwohnheim fuhr. Von Rostock zurück auf unser Dorf wollte ich mal einen neuen Weg versuchen. Ich hätte es besser wissen müssen … Ich fand natürlich nicht den Verbindungsweg von der Schnellstraße auf unsere Bundesstraße und so fuhr und fuhr und, äh, fuhr ich bis Ribnitz-Damgarten. Von dort rief ich erstmal zu Hause an, dass es etwas länger dauern würde, und ob es keine Landkarte im Auto gäbe? Gab es natürlich nicht. Dann rief ich meinen damaligen Freund an: „Schatz, kannst du mal bitte auf google-maps nachgucken, wie ich von hier nach Hause komme?“ So fuhr ich dann von Ribnitz bis Bad Sülze. So weit, so gut. Wäre nicht genau an diesem Tag die Ortsdurchfahrt wegen eines lokalen Radrennens gesperrt gewesen. Noch ein Anruf: „Schaaaatz, kannst du mal …?“ Umdrehen und zurückfahren kam auf keinen Fall in Frage! Er schickte mich dann auf einen Waldweg, der mündete in einen Feldweg. Da hinten sah es auch aus wie eine Straße, war aber leider ein Fluss. Als ich das feststellte, wollte ich auch schnell wieder zurück, aber zurück ging nicht. Der Feldweg war aufgeweicht, das Auto sackte nur tiefer und tiefer in den Morast und bei den letzten ausweglosen Versuchen gönnte ich dem Wagen noch eine richtig schöne Schlammmaske. Das Ende? Ich wanderte in den Ort, sprach bei der die Straßen absperrenden Freiwilligen Feuerwehr vor, die schickte mir drei kräftige Jungs mit, die das Auto befreiten, mich auf den richtigen Weg schickten und sich totlachten. Kleinlaut fuhr ich nach Hause und durfte am gleichen Tag das Auto putzen. Kurz danach entschied Papa sich übrigens für eine neue Versicherung, die ihn als alleinigen Fahrer aufnahm. Das war das Ende für mich und mein geliebtes Autofahren.

Denn ja, ich liebe Autofahren. Am liebsten alleine, mit großer Sonnenbrille und lauter Musik. Das ist für mich die absolute Entspannung! Aber in Istanbul habe ich mich bisher nicht getraut, vielleicht aus gutem Grund. Aber dann tat sich nach mehr als drei Jahren Fahrpause d i e Gelegenheit auf: ich brauchte ein Mietauto, um überhaupt vom Hamburger Flughafen hier auf meine Urlaubsinsel zu gelangen. Mama jaulte vor Sorgen, aber Tochter brauste mit einer riesigen Freude in einem schicken schwarzen Ford Focus über die Autobahn, testete zwischendurch auch mal die 180km/h und ärgerte sich gewaltig, als das Navi sie bei Flensburg von der Autobahn hinunter über eine popelige Landstraße schickte, anstatt eine großartige Einfahrt ins schöne Dänemark zu unterstützen. Voll beladen mit frischen Einkäufen rollte ich vor meine Ferienwohnung, fuhr am nächsten Tag auf Rømø herum, nur des Fahrens wegen, und natürlich auch an den Strand. Wozu sonst hat diese Insel einen ein Kilometer breiten Strand, wenn nicht um mit dem Auto bis zum Wasser zu fahren??? Nach zwei Tagen musste ich das Auto leider wieder abgeben und genau da passierte es. Ich wollte unbedingt noch einmal nach Tønder fahren und verließ mich mal nicht aufs Navi, sondern auf meine Landkarte. Nur war die von 2002 und damals gab es noch keine Ortsumgehungsstraße bei Højer – nach etwas längerer Zeit fand ich dann immerhin den richtigen Weg, konnte noch ein paar wichtige Sachen kaufen (dänische Bücher, dänische CDs) und gab dann das Auto brav in Deutschland ab. Zurück nahm ich den Zug von Niebüll nach Sylt, von dort mit dem Bus nach List und dann die Fähre zurück nach Rømø. Dort musste ich laufen, weit laufen, denn ich verpasste natürlich irgendwie den Abzweig nach Lakolk und musste so den richtig langen Weg laufen. Vierzehn Kilometer. Statt sieben! Meine Familie muss dringend ihren Orientierungssinn verbessern. Ganz dringend! Und außerdem hätte ich gern einen Mann mit Auto – meinetwegen auch ohne Mann – , aber dalli!

Die neuste CD vom dänischen Hip-Hop-Duo Nik & Jay lief schön laut:

© janavar

(erstmals veröffentlicht am 8. Juli 2011)

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