Glücksstreben 7: Es lebe der Sport

Naja, oder war es Sport ist Mord??? Bis zum Ende meiner Schulzeit habe ich das auf jeden Fall gedacht. Im Grunde begann es schon in der ersten Klasse, als ich einfach nicht die Stange hochklettern konnte, sondern unten wie ein nasser Sack hing. Und kein Wassereis von der Lehrerin bekam. Nur die Schüler, die es schafften, bekamen ein Eis als Belohnung.

Die Beziehung zwischen mir und dem Sportunterricht entwickelte sich schlecht: er bedrohte mich mit hohen Schwebebalken, Stufenbarren und schweren Metallkugeln zum Kugelstoßen. Ich reagierte mit schlechter Laune, Geschrei auf dem Stufenbarren, weil ich mich auf keinen Fall über Kopf dort hinunterschwingen wollte, ich bin schließlich weder Zirkusakrobat noch ein Affe oder völlig wahnsinnig. Die Kugeln konnte ich übrigens kaum heben, geschweige denn weit stoßen. Mein Lehrer zwang mich, sie so lange zu stoßen, bis ich endlich die Weite für einen Punkt schaffte (1 Punkt = 5-). Zu viel Qual für zu wenig Ergebnis. Nein, der Sport und ich konnten einfach keine Freunde werden. Auch wenn meine langen Beine mir zum Glück beim Hochsprung einen Vorteil verschafften.

Erst im Frühling meines Abiturs wurde es besser. Ich konnte alle Sportnoten für meine Abiwertung streichen und begann ganz von allein und freiwillig zu joggen, als ich Zeit hatte. Im Studium probierte ich mich dann wild durch viele Sportkurse, die die Uni für wenig Geld anbot: Rückengymnastik, Tennis, Bauch-Beine-Po, Tai Chi, Tai Bo, Badminton, Segeln, Laufen. Im Erasmusjahr in Cork, Irland gehörte zur Uni sogar ein großer Komplex mit Fitnessstudio und Schwimmbad, den alle Studenten kostenlos benutzen durften.

Im Laufe der letzten zehn Jahre habe ich den Sport also doch noch schätzen gelernt. Nein, lieben sage ich nicht, es bleibt wegen meiner Kindheitstraumata doch eher eine Hassliebe. Aber ich brauche ihn. Besonders seit ich arbeite, nämlich zum Stressabbau. Und zum Wohlfühlen. Gegen Erkältungen im Winter. Und für mehr Energie.

Ein Jahr lang bin ich mit meiner Freundin in ein Luxusfitnessstudio hier in Istanbul gegangen, wobei preislich gesehen hier fast alle Luxus sind. Jedenfalls gab es dort Geräte, ein Schwimmbecken, Jacuzzis, eine Dampf- und eine richtige Sauna. Kurse wurden auch angeboten, die besuche ich aber nie, weil ich einfach kein Gemeinschaftssportler bin. Ich glaube, das liegt an den Volley- und Basketballwochen zur Schulzeit, als ich immer nur Angst hatte, mit dem Ball in Berührung zu kommen aka er tut mir weh, weshalb mich auch nie jemand im Team haben wollte.

Jedenfalls war dieses Fitnessstudio im Astoria super, bis ich zu weit davon weggezogen bin. Von Bakirköy bis zum Astoria in Gayrettepe dauert es mindestens eine Stunde und ich habe nicht zwei Stunden Zeit zu verschenken, um eine Stunde Sport zu treiben. Seit dem Frühjahr bin ich also faul, ich gehe spazieren oder war im Sommer etwas schwimmen, okay, eher planschen. Ich möchte auch wirklich gerne wieder Mitglied in einem Fitnessstudio werden, aber das ist gar nicht so einfach, denn in der Türkei ist Sport ein Luxusvergnügen. Zwar gibt es draußen am Wasser überall kleine Plätze mit kostenlosen Fitnessgeräten, aber ich habe keine Ahnung, ob die sicher sind, und fühle mich vor allem bei so öffentlicher Beobachtung nicht wohl. Dann gibt es hier im Stadtteil eine Menge schicker Studios, die mir einfach zu teuer sind. Im Sommer hat der Lieblingsmensch versucht, in einem der Studios den Preis herunterzuhandeln, aber sie blieben bei über 2.000 € Jahresbeitrag. Dabei hatten sie auch keine Geräte aus Gold. Direkt im Keller vom Nachbarhaus gibt es ein günstiges Ministudio nur mit Geräten – und nur für Männer.

Nun haben wir einige Straßen weiter ein Fitnessstudio gesehen, dass ziemlich normal aussieht, nicht teuer und vor allem auch für Frauen zugänglich ist. Allerdings warte ich seit Wochen darauf, dass der Lieblingsmensch mit mir dorthin geht, um mich anzumelden, weil es einfacher und stressfreier ist. Er hat Glück, dass ich gerade so faul und unsportlich bin, denn sonst würde ich ihn richtig boxen.

Darum ging es bei meinem Projekt in den letzten Wochen:
Glücksstreben 1: Der Anfang  Glücksstreben 2: In meinem Kleiderschrank gibt es jetzt Platz
Glücksstreben 3: Wenn der frühe Vogel zwitschert  Glücksstreben 4: Strotzend vor Vitaminen
Glücksstreben 5: Warum ein Masseur mein nächster Mann wird Glücksstreben 6: When the going gets tough

Fotos via 1, 2, 3

© janavar

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One Response to “Glücksstreben 7: Es lebe der Sport”

  1. November 24, 2013 at 2:54 pm #
    Hallo, meine Erfahrungen mit dem Sportunterrricht waren sehr ähnlich. Sport gehörte echt nicht zu meinen Lieblingsfächern. Ab der 11. Klasse hatten wir auch noch Theorieunterricht. Aber dann in der 13. Klasse gab es Tanzunterricht mit einem externen Tanzlehrer. Endlich mal ne 2 auf dem Zeugnis. :) Mittlerweile gehe ich regelmäßig, also mindestens 1 Mal die Woche ins Fitnesscenter. Und ich liebe Sport. ;) Ich habe auch ein recht teures Studio ausgewählt, aber es hat einen Wellnessbereich, viele Kurse und ich habe eine Personaltrainerin. Zur Motivation habe ich mich letztes Jahr bei einem Stadtlauf (nur 5 km) angemeldet. Was meinst du, wäre das für dich auch eine Option? Grüße Myriam

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