Gelesen: “Mrs. Atatürk Latife Hanim” & “Aylin” – zwei starke türkische Frauen

In den letzten Wochen habe ich diese zwei Biographien über zwei wundervolle türkische Frauen gelesen und kann mich gar nicht entscheiden, welche mir besser gefällt. Beide sind gut recherchiert, stellen interessant dar und fesseln den Leser. Ich fand besonders interessant, dass es sich bei Latife Hanim und Aylin Devrimel um zwei Frauen handelt, die dem türkischen Stereotypen so gar nicht entsprechen. Sie sind selbständig, gebildet, stark. Und ich frage mich inzwischen, inwieweit das Klischée “türkische Frau” in der Realität überhaupt existiert, auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, oder ob die beiden Frauen gerade deswegen auffielen, weil sie so anders waren. Am besten lest ihr die Bücher, die ich zu 100 % empfehlen kann, selbst einmal:

Ipek Calislar: “Mrs. Atatürk Latife Hanim. Ein Porträt”, 2008, 10,95 €

“Kemal Atatürks erste Ehefrau – die Wiederentdeckung einer faszinierenden Frauenrechtlerin.

‘Wie ihr Mann wollte die wortgewandte, streitlustige Latife Hanim ihre Heimat nach Westen führen – am Ende aber war sie ihrer Zeit zu weit voraus, wurde verstoßen, verleumdet und schließlich ein halbes Jahrhundert langtotgeschwiegen.’ Der Tagesspiegel

Der Bestseller aus der Türkei!”

Über Atatürks Frau wird wenig gesprochen, aber diese Biographie verrät viel über das lange und interessante Leben der Latife Hanim, die Atatürk aus Liebe heiratete und ihn u.a. vom Alkohol wegbringen wollte. Als eine der ersten wurde ihre Ehe nach westlichem Brauch geschlossen und nur wenige Jahre später noch nach islamischem Recht geschieden. Sie kam aus einer der reichsten Izmirer Familien, war außerdem sehr intelligent und gebildet, sprach im Gegensatz zu ihrem Ehemann Fremdsprachen, z.B. Arabisch, Persisch, Deutsch, Englisch, Französisch, weshalb er sie auch als Übersetzerin einsetzte. Das Buch bleibt stets bei Fakten, was passiert ist, und ist dennoch sehr spannend. Erst beim Schreiben dieses Posts habe ich gesehen, dass die deutsche Ausgabe eine verkürzte Übersetzung des türkischen Originals ist – fast 300 Seiten weniger. Leider mangelt es an meinen Sprachkenntnissen, sonst würde ich die vollständige Biographie sofort lesen.

Ayse Kulin: “Aylin”, 2007, 20 TL*

“A Turkish woman who becomes a Libyan princess, a hippie, a successful New York psychiatrist, a lieutenant colonel inn the US Army and the wife of a Hollywood film producer.

‘… An open mahagony coffin lay on the raised platform. The long queue of people who filed past paying their last respects  to the uniformed American officer lying in state, were praying or bidding their farewells silently before returning slowly to their seats. Everybody was weeping as expected at a dignified military ceremony … The woman who lay amongst the flowers of all colours on the catafalque looked more like a Hollywood star than a soldier. This officer in the uniform of a lieutenent colonel was a Turk …’

Born into an old Ottoman family that had embraced the ideals ot the newly founded republic, Aylin attended the American College For Girls and later went to Paris to continue her education. Thus began a life with a head-spinning pace: a hasty marriage which has made her a Libyan princess, a medical education  that led to a successfull career as a psychiatrist, numerous other marriages that never lasted long, a career in the American army as a lieutenant colonel … Even her death had a touch  of her characteristic flair; its cause has remained a mystery to this date.

This book reveals the tumultuous life of Aylin Devrimel.”

Aylin Devrimel hatte ein unglaublich abwechslungsreiches Leben, von dem zu lesen ich überhaupt nicht müde wurde. Auch sie ist sehr gebildet und trifft immer wieder Entscheidungen, die ihr Leben völlig verändern: erst heiratet sie einen libyschen Prinzen, der sie aber in Paris gefangen hält, so dass sie mit Hilfe ihrer geliebten Schwester und deren Mann flüchtet. Dann erst studiert sie Medizin in der Schweiz, trifft ihren nächsten Mann, ohne den sie nach New York geht, um in einem Krankenhaus als Psychiaterin zu arbeiten. Immer steht sie hinter ihren Entscheidungen. Nebenbei erzählt das Buch auch vom Leben ihrer Schwester, ihres Haushälters und anderer Personen.

* Das Buch ist in englischer Übersetzung beim Verlag Remzi Kitabevi in Istanbul erschienen. Ich nehme an, dass man das Buch am leichtesten aus dem Urlaub mitbringt oder bei einem deutsch-türkischen Buchhändler seines Vertrauens bestellen kann – bei großen deutschen Onlineanbietern konnte ich die Biographie leider nicht finden bzw. nur die türkische Version.

© janavar

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4 thoughts on “Gelesen: “Mrs. Atatürk Latife Hanim” & “Aylin” – zwei starke türkische Frauen”

  1. Liebe Jana,
    also jetzt muss ich doch mal kommentieren – ich lese nun schon seit einiger Zeit deinen Blog und das wirklich sehr gerne! Ich weiß gar nicht, wie ich das genau beschreiben kann…aber es ist einfach toll zu sehen, was du als Deutsches Mädel aus der türkischen Welt zu berichten hast. Ich habe zwar türkische Wurzeln, bin aber in Deutschland geboren und du behandelt in deinem Blog teilweise genau die Themen, mit denen ich mich von Deutschland aus beschäftige… 🙂 Deine Berichterstattung über die Proteste fand ich mehr als lobenswert, genau so deine Reiseberichte über die griechischen Inseln (vorallem Rhodos möchte ich auch gerne mal sehen!) und Bodrum (wo ich letztes Jahr das 1. Mal war und mich einfach verliebt habe) und einiges mehr…
    Das Buch über Latife Hanim habe ich letztes Jahr gelesen und es hat mich so sehr berührt und beeindruckt – ebenso die Informationen die man zu Atatürk’s Person erhält. Das andere Buch werde ich mir nach deinem Eintrag hier nun auch direkt holen…
    Lange Rede kurzer Sinn: Vielen Dank für diesen Blog, den ich regelmäßig weiterlesen werde. 🙂
    Viele Grüße,
    Sinem

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