Elf neue Männer und ein Löwe

Eines vorneweg: Ich habe keine Ahnung von Fußball.

Die Abseitsregel habe ich erst mit siebzehn kapiert, als sie mir jemand übertragen mit Schachfiguren erklärte. Ich schaue zwar gern Fußballspiele, dies aber erstens (und am allerwichtigsten) wegen der gutaussehenden Männer, und zweitens wegen dem Spaß, wenn man mitfiebert, sich mitaufregt, mitgrölt, mitschreit.

Weiterhin spricht dagegen, dass mein Lieblingsverein der F.C. Hansa Rostock ist – eigentlich aus regionalen Gründen (in meiner Klasse früher war nur Boris Fan von Werder Bremen und nett sind wir definitiv nicht mit ihm deswegen umgegangen). Das erste richtige Fußballspiel meines Lebens war ein Geburtstagsgeschenk (so war das, wenn man in den 1990ern in der Mitte Mecklenburgs aufwuchs): Bochum gegen Rostock, ich mit meinem Papa im Fanblock, immerhin ein Unentschieden. Tja, nur mittlerweile sind wir seit vier Jahren nicht mehr in der Bundesliga und seit letztem Jahr sind wir sogar nur noch drittklassig.

Auch beim Fußballmanager mit Freunden kann ich es nur als Riesenerfolg verbuchen, dass ich mich in den letzten Wochen um einen Platz auf den vorletzten unserer Punktewertung vorkämpfen konnte.

Es spricht also eine ganze Menge gegen mich und meine Fußballkenntnisse.

Dann kam ich nach Istanbul. Die Stadt beheimatet gleich drei große Vereine der ersten Liga, der Turkcell Süper Lig. In Asien gibt es Fenerbahçe, bei mir direkt um die Ecke Beşiktaş und ebenfalls in Europa (wegen des neuen Stadions aber etwas weiter entfernt) Galatasaray. Meine Schüler wollten zu Anfang unbedingt wissen, welches mein Istanbuler Verein wäre. Nur ich konnte mich nicht festlegen. Für die Türken scheint dies einfach: in erster Linie gehört man zu dem Verein, dem schon die “Vorfahren” zugejubelt haben, kurz: es bleibt in der Familie. Das heißt auch, dass in jeder Klasse Anhänger jedes der drei Sportclubs sitzen, die bei Lokalderbys große Wetten abschließen. Erst diese Woche saß ein geknickter junger Mann in meinem Unterricht: nachdem Galatasaray am Freitag gegen Fenerbahçe in der fast letzten Minute 1:2 verloren hatte, musste er direkt am Wochenende noch zum Frisur für einen extremen Kurzhaarschnitt und den ganzen Montag ein ihm verhasstes Fenerbahçe-Trikot tragen.

Die Wahl des richtigen Vereins will also wohlbedacht sein. Aber sie fiel mir furchtbar schwer. Natürlich: Fenerbahçe “wohnt” im fernen Asien, ist aber auch einer der erfolgreichsten Vereine und hat dieses schöne Blau u.a. als Farbe. Das Beşiktaş-Stadion wiederum liegt nicht nur zehn Minuten Fußweg von mir entfernt, sondern sie hatten sogar bis letzte Woche einen deutschen Trainer und immer noch drei deutsche Spieler. Ebenfalls äußerst erfolgreich ist auch Galatasaray, zudem hat der Verein ein funkelnagelneues Stadion zu bieten.

Als erstes sah ich mir die Mannschaften an, aber abgesehen von den durchaus schön trainierten Körpern ist für keine ein Blumentopf zu gewinnen, wenn ich mir die Spieler vom Hals aufwärts angucke (das muss man einfach mal so ehrlich sagen).

Am Ende traf ich eine spontane, aber mich vollkommen überzeugende Entscheidung: Letzten Freitag lief ich die Istiklal Caddesi entlang, wo wegen des anstehenden Spiels sehr viele Fußballfans waren und laut sangen. Und da passierte es, auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen, es war so völlig klar: Das Maskottchen von Galatasaray ist ein Löwe. Aslan. Das türkische Wort für Löwe ist Aslan, ja, so wie der Löwe in C. S. Lewis’ “Chroniken von Narnia”. Ich liebe dieses türkische Wort. Für mich klingt es so mächtig und elegant wie das Tier, für das es steht. ASLAN. So wie ich meinen Erstgeborenen nennen werde (ja ja, ich weiß, hängt ganz vielleicht auch von meinem zukünftigen Wohnland und dem Vater ab). Die Entscheidung war also ganz einfach:

– JANA LIEBT ASLAN.

– GALATASARAY LIEBT ASLAN.

-> JANA LIEBT GALATASARAY.

Ach ja, wenn anderen Entscheidungen doch so logisch und einfach wären … Tja, und dann haben sie wir direkt das Spiel am Freitagabend gegen Fenerbahçe verloren. Ich hoffe stark, dass das nichts mit mir zu tun hat …

Wieder bin ich einen Schritt weiter in meiner Istanbuler Integration. Nun muss ich aber dringend die türkischen Fangesänge lernen, bevor ich mir demnächst hoffentlich im Stadion die Kehle aus dem Leib brüllen werde:

© janavar

(erstmals veröffentlicht am 24. März 2011)

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