Atatürk, Erdoğan & die Geschlechtertrennung

Nach dem Nationalfeiertag in der letzten Woche ist auch heute ein wichtiger Tag in der Türkei: es wird Atatürks Todestag gefeiert. Der Republiksgründer ist am 10. November 1938 gestorben. Im letzten Jahr war ich an diesem Tag in Ankara (Teil 1 & Teil 2) und im Anitkabir, Atatürks Grabmal. Weil so ein Wochenende aber auch anstrengend ist, bin ich in diesem Jahr in Istanbul geblieben. Wir haben wieder einmal unglaubliches Glück mit dem Wetter (Sonne! 20 °C!), dass wir gestern Nachmittag ganz freiwillig zu einer Demonstration nach Kadiköy, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite, der direkt am Meer liegt, gefahren sind.

Der aktuelle Ministerpräsident hat sich auch in dieser Woche wieder überlegt, wen er wohl als nächstes gegen sich aufbringen kann.

Am letzten Sonntag protestierten bereits mehrere Hunderttausend Aleviten in Kadiköy gegen die AKP und Erdoğan, wobei sie gleiche Rechte für alle Bürger forderten, auch für Minderheiten. Kurze Erklärung: das Alevitentum ist eine sehr liberale Richtung des Islam, in der Türkei aber eine Minderheit, wo die meisten Muslime Sunniten sind. Ihre Glaubensrichtung wird von der Türkei nicht anerkannt und Erdoğan hat die geplante dritte Bosporusbrücke ausgerechnet nach Sultan Selim der Grausame benannt, der im 15. Jahrhundert die Aleviten verfolgte und ein riesiges Massaker anrichtete.

Rechts: Meine Fantasie sagt auch drei Worte: mit Mädchen, mit Jungen, ohne Tayyip [Erdoğan]!

Diese Woche aber ging es nicht um Religion, sondern um Frauen und Männer. Erdoğan hat festgestellt, dass im 21. Jahrhundert tatsächlich Frauen und Männer bzw. Mädchen und Jungen zusammenleben, beispielsweise in Internaten, Wohnheimen und WGs – was seiner konservativen Auffassung vollkommen widerspricht. Hierbei geht es übrigens vor allem um das Leben im gleichen Gebäude, obwohl es in verschiedene Flügel geteilt ist. (Ich glaube, der Mann würde sterben, wüsste er, dass wir in meinem Studentenwohnheim in Rostock sogar die Küche und die Flure miteinander geteilt haben.) Daher hat er dem Volk versprochen, diese Unsitte abzuschaffen. Einigen Medienberichten zufolge gab es bereits Razzien in privaten Studenten-WGs. Konservative Zeitungen haben sogar berichtet, dass die Regierung auch die Koedukation abschaffen will, also das gemeinsame Unterrichten von Jungen und Mädchen in derselben Schule.

So haben sich gestern Nachmittag einige hundert vor allem Studenten in Kadiköy getroffen, um gegen die neusten Regierungspläne zu demonstrieren. Es war insgesamt eine angenehme Stimmung, da die Aktion von einem Konzert begleitet wurde.

Alles in allem ein schöner Sonnabend, auch wenn ich über Erdoğans Pläne nur den Kopf schütteln kann. Der Mann mischt sich permanent in das Privatleben seiner Bürger ein und das Demokratiepaket, das die westlichen Länder so hochgelobt haben, war nur ein Bluff. Wenn ich mir die Entwicklung ansehe, wird es hier leider immer dunkler, so Richtung Mittelalter. Schritt für Schritt setzt diese konservative, männlich dominierte Regierung ihre Vorstellungen von Sitte und Moral durch. Wenn sie jetzt das Zusammenleben von Studenten verbieten (in Trabzon hat es sogar schon Aufruhr gegeben, weil dort Männer und Frauen dieselbe Treppe ins Studentenwohnheim benutzen müssen), sind es als nächstes vielleicht die unverheiratet zusammenlebenden Paare – so wie der Lieblingsmensch und ich.

Von welchen Organen unten ist der Ministerpräsident der Leiter? a) Legislative b) Exekutive c) Judikative d) Genitalien

Eigentlich schön, wie viele heute wieder ihre Liebe zum laizistischen Atatürk bezeugen, der in den Herzen für immer lebt.

P.s. Ich bin mir heute nicht zu 100% sicher mit meinen Übersetzungen; wenn ihr zufällig die schwere türkische Sprache beherrscht, zögert nicht, mich zu berichtigen.

© janavar

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2 Responses to “Atatürk, Erdoğan & die Geschlechtertrennung”

  1. November 15, 2013 at 2:40 pm #
    Oh, je... habt ihr als unverheiratetes Paar einen Plan für den Notfall?
    • November 17, 2013 at 4:34 pm #
      Nein, also schon, aber ich glaube, verschiedene ;-) Daher hoffe ich, dass es nicht zum Schlimmsten kommt.

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