Auswandern: Ein US-Visum bekommen – oder: Warum bin ich keine Katze?

Hallo. Ich heiße Jana, glaube an den American Dream und hatte es mir ursprünglich etwas einfacher vorgestellt, in ein Einwanderungsland wie die USA zu gelangen. Dann stellte ich aber fest, dass es leichter ist, den Kater in die USA zu bringen als mich. Ich schließe daraus, dass die USA Katzen gegenüber Menschen als Einwanderer bevorzugen. Um es ganz genau zu nehmen, bin ich gar kein Einwanderer. Ich bin ein nonimmigrant. Mein Visum heißt J1, ist ein Austauschvisum und auf maximal fünf Jahre begrenzt. Falls es mir dort sehr gut gefällt, habe ich ab sofort fünf Jahre Zeit, reich zu werden oder einen reichen Mann zu finden, um eventuell ein anderes Aufenthaltsvisum zu bekommen. Vielleicht habe ich Glück und Obama ändert die Immigration Laws noch. Vielleicht aber auch nicht.

Nach ausführlicher Recherche im Spätsommer des letzten Jahres hatte ich gelernt, dass die US-Immigration Laws verdammt kompliziert sind, dass ich nicht besonders genug bin um es einfach zu haben (ich kann beispielsweise kein Arabisch, bin keine Nonne oder ein berühmter Forscher), kurzum: dass ich nicht einfach so in die USA ziehen kann. Ich brauchte ein Visum um einen Job zu bekommen und einen Job um ein Visum zu bekommen. Das Zauberwort: Sponsor. Den habe ich in meinem zukünftigen Arbeitgeber gefunden, der mich anfordern und dafür meine finanzielle Absicherung versprechen musste.

Auswandern: Ein US-Visum bekommen - oder: Warum bin ich keine Katze?

Wenigstens einer von uns ist total relaxed und ich trage immerhin meine rosarote Brille

Nachdem ich den Ausdruck mit dem Antrag meines Sponsors (DS-2019) zugeschickt bekommen hatte – per Post, ein Zeichen: die türkische Post hat den Brief nicht verloren, die Türkei will mich eindeutig loswerden – kam meine eigentliche Aufgabe: ich musste für mein Visum ein anderes Dokument (DS-160) online ausfüllen. Zu Anfang dachte ich noch, wie nett. Das war in der ersten halben Stunde, als ich versuchte, ein passendes Passfoto hochzuladen und einfache Angaben zu meiner Person einzugeben, während das Programm zweimal abstürzte. Irgendwann war ich angekommen auf der Seite, auf der ich anklicken musste, ob ich mal Terrorist war, ob ich Terrorist bin, ob ich vorhabe, Terrorist zu werden. Ob ich schon einmal eine Frau zur Abtreibung gezwungen habe. Ob ich Kindersoldaten rekruitieren wolle. Ob ich Drogenhändler sei. Ob ich Mafioso werden wolle. Usw. Ganz ehrlich: irgendwann muss man einfach nur noch der Versuchung widerstehen, “ja” zu klicken. Als ich dann dachte, ich hätte den USA bereits alles über mich erklärt, kam am Schluss noch die Frage nach zwei Kontaktpersonen, die im Wohnsitzland leben müssen und deren vollständige Adresse etc. angegeben werden muss, damit sie im Zweifelsfall bestätigen können, dass ich ich bin.

Das abschließende Bestätigen aller Daten und über drei verschiedene Webseiten irgendwann zur Bezahlung zu gelangen war nach den zweieinhalb Stunden vorher fast pipileicht, aber eben nur fast. Man muss z.B. erst einmal herausfinden, was man eigentlich wo bezahlen muss. Am Ende machte ich online auch einen Termin zum Vorsprechen im US-Konsulat in Istanbul aus und natürlich lag jeder freie Termin mitten am Vormittag. Diesmal ging ich ganz deutsch vor: bereits zwei Tage vorher hatte ich zehnmal kontrolliert, ob ich auch wirklich die richtigen und alle Unterlagen beisammen hatte; am letzten Mittwoch stand ich schon kurz vor 10 Uhr morgens vorm US-Konsulat. Mein Termin war um 11 Uhr. Das US-Konsulat hier ist seit wenigen Jahren in Istinye eine moderne Festung auf einem Berg, schön gelegen, aber weit weg. Und ich war viel zu früh. Der Mann am Eingang schickte mich noch einmal vom Tor weg und ich trank gegenüber vom Konsulat einen Tee. Dort gibt es mehrere Cafés, die die armen Konsulatsbesucher aufwärmen, ihnen im Notfall Passfotos mit den richtigen Maßen machen und deren Handys sowie sonstige elektronische Geräte für jeweils 5 Lira beaufsichtigen – die dürfen nämlich nicht mit reingenommen werden.

Um kurz vor 11 stand ich wieder vorm Zaun, zusammen mit rund zwanzig anderen Leuten, die ebenfalls einen 11 Uhr-Termin hatten. Am Tor wurde erst kurz meine Tasche durchsucht, dann kontrolliert, ob ich wirklich einen Termin habe. Dann stellte ich mich für die Sicherheitskontrolle an, die meinen Speicherstick fand, den ich vergessen hatte, auszupacken. Da auf dem alle wichtigen Dateien meiner Arbeit sind, bekam ich leichte Panik, dass der nun vielleicht zerstört würde, aber nach kurzer Betrachtung durfte ich ihn doch behalten. Von dort ging ich zum Empfang, wo meine Dokumente ganz genau kontrolliert und geordnet wurden. Eine ältere Frau wurde wieder zurück (zum Café) geschickt, weil sie kein Passfoto dabeihatte. Ich hingegen durfte den Fahrstuhl betreten und damit erst so richtig die heiligen Konsulatshallen. In der Visumsstelle erhielt ich eine Nummer und eine Broschüre über alle meine Rechte als Arbeitnehmer in den USA. Sehr ermutigend. Ich dachte mir, sie würden mir wohl kaum das Heftchen in die Hand drücken, wenn sie mein Visum verweigern wollten.

Am ersten Schalter wurde ich nur kurz nach meinem Namen gefragt, musste meine Unterlagen abgeben und dann warten, dass ich aufgerufen wurde, um meine Fingerabdrücke abzugeben. Als ich dann wieder auf den Wartestühlen saß, beobachtete ich türkische Studenten beim Interview. Einige wurden auf Türkisch, andere auf Englisch gefragt und einige mühten sich mit schlechtem Englisch arg ab, während sie Auskunft über völlig verschiedene Dinge geben mussten – und die wollten nur ein Reisevisum. Mein Kopfkino ließ schon einen Horrorfilm ablaufen: man würde mich fragen, warum ich überhaupt in die USA wollte; ob ich auch ganz sicher in fünf Jahren wieder zurückgehen würde und wohin dann eigentlich; warum ich eigentlich an der Greencard lottery teilnahm, wollte ich nicht also doch immigrant sein statt nonimmigrant …? Als ich endlich aufgerufen wurde, war mir ganz flau im Magen, aber der Vizekonsul lächelte freundlich und fragte, ob ich das Interview auf Türkisch oder Englisch führen wolle. Englisch natürlich. Ich war fast ein wenig traurig, dass er mich nicht nach meinem Lieblingsfußballverein fragte (Galatasaray!), sondern nur kurz nach meinem jetzigen Job und nach meinem zukünftigen Job in Boston. Dann unterschrieb er mein DS-2019 und erklärte mir, dass mein Pass mit dem Visum innerhalb der nächsten zwei Tage abgeschickt würde.

Ich verließ das Konsulat mit einem breiten Lächeln und konnte schon vorgestern den Pass von der Post abholen. Auch hier klappte zu meiner Überraschung alles: der Pass ging nicht in den Tiefen der Türkischen Staatspost verloren und die Dame am Schalter war so unfreundlich wie immer. Das Visum glänzt in meinem Pass und ich muss es immer wieder angucken. Heute in genau zehn Wochen fliegen der Kater und ich nach Boston – er mit Pass und Gesundheitszeugnis, ich mit Pass, Visum und hundert anderen Zetteln, die ich alle mitführen muss.

This text is about how I’ve got my US visa. I’m sorry, but it’s too long to translate. Thank you for your understanding.

© Janavar

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18 thoughts on “Auswandern: Ein US-Visum bekommen – oder: Warum bin ich keine Katze?”

  1. Liebe Jana, das ist echt spannend was Du da erzählst und toll wie Du das alles meisterst. Ich bin ja auch gerade dabei mein permanentes Visum für Australien zu beantragen und das ist auch kein walk in the park….an daß trotz australischem Ehemanns……Australien ist halt neben Amerika das wohl beliebteste Auswanderungsland. Und daher ist alles sehr streng und verdammt teuer!! Der ganze Spaß wird uns über 10.000$ kosten….Wahnsinn,oder?

    1. 10.000$??? Auweia! Du gewinnst beim Visumswahnsinn, liebe Mascha! Ich drücke dir die Daumen, dass alles klappt und zwar möglichst schnell.

      1. Vielen Dank 🙂 Werde aber wohl mindestens 12 Monate warten müssen für das Visum…..und eine Garantie bekommt man auch nicht. Das Geld ist auf jeden Fall weg…..auch bei Absage. Aber ich gehe nicht davon aus, daß ich abgelehnt werde.

        1. Wenn dein Mann Australier ist (ich dachte immer, er wäre Österreicher?), dann stehen deine Chancen bestimmt gut. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen, liebe Mascha! Bleibt ihr dann in Australien?

          1. Ja, er ist Australier, aber er hat auch einen Australischen Paß. Ich denke auch, daß meine Chancen nicht schlecht stehen. Aber ich habe zum Beispiel eine Österreicherin getroffen, die seit 3 Jahren mit einem “echten” Australier zusammen ist. Ihr Antrag wurde abgelehnt!! Solche Geschichten hört man immer wieder…..also etwas nervös bin ich schon. Ja, planen die nächsten 10 Jahre hier zu bleiben und dann mal sehen 🙂

          2. Habe mich in meinem Kommentar verschrieben. Ich wollte schreibe: “Ja, er ist Österreicher” 🙂 Brauch einen Kaffee 😉

  2. Oh je, das alles erinnert mich daran wie schwer es war mein Au Pair J-1 zu einem Studenten F-1 zu ändern…
    Der Spaß hört beim Visum auch nicht auf: An der Non Immigrant Schlange am Flughafen nachdem du Landsat stellen sie dir dumme Fragen inklusive Fingerabdrücke nehmen und wunderschönem Foto 😀

    1. Die Nonimmigrant-Schlange kenne ich eigentlich schon von meinen “Touristen-Reisen”, aber mit Kater in der Hand wird das bestimmt ein viel größerer Spaß … 🙂

  3. Liebe Jana, vielen Dank für die sehr interessanten Einblicke. Es freut mich sehr für dich, dass du das Visum bekommen hast. Kaum zu glauben, welche Fragen du beantworten musstest, ich hätte da wohl auch dem Drang widerstehen müssen “ja” anzuklicken. Nur noch 10 Wochen, unglaublich wie die Zeit vergeht. Hast du noch sehr viel zu erledigen? Wahrscheinlich schon. An dieser Stelle, ich möchte nicht jeden deiner Beiträge kommentieren und vielleicht dadurch irgendwie aufdringlich wirken, ich habe natürlich letzte Woche das Drama um den verschwundenen Canavar verfolgt und war sehr erleichtert, als ich lesen durfte, dass er wieder aufgetaucht ist. Welch Schreck und welche Erleichterung. Ich lese übrigens gerade ein Buch, dessen Handlung zum Großteil in Boston spielt, was ich vor dem Lesen aber nicht wusste und werde dadurch immer mal wieder an dich erinnert. Ich lasse dir viele Grüße zurück.

    1. Hallo liebe Regina! Welches Buch liest du denn? Ich habe neulich “That year in Boston” gelesen und auch noch weitere Romane, die dort spielen, auf meiner Leseliste. Danke fürs Daumendrücken, nun ist Canavar zum Glück zurück und fühlt sich sehr wohl in der Wohnung.
      Ich habe noch einiges zu erledigen, aber der wichtigste Papierkram ist vom Tisch und das ist wirklich erleichternd.
      Viele liebe Grüße

      1. Liebe Jana, ich lese gerade “Schweres Beben”, bzw. mühe mich durch. Ich fände es ja sehr interessant, wenn du häufiger über Bücher berichtetest die du gelesen hast. Welche Bücher die in Boston spielen hast du denn noch auf deiner Liste? Ich wünsche dir einen guten Start in die neue Woche. Viele liebe Grüße Regina

        1. Liebe Regina, ich hoffe, du hast eine schöne Woche! Ich habe gerade meine erste Leseliste als Post veröffentlicht und dabei festgestellt, dass ich wirklich schon lange keine Bücher mehr vorgestellt habe. Das wird nun wieder häufiger kommen. Von “Schweres Beben” hatte ich noch nichts gehört, aber es klingt spannend. Das werde ich dann wohl auch demnächst lesen. Danke für deinen Tipp! Liebe Grüße

  4. Hi,
    herzlichen Glückwunsch zum Visum. 🙂 10 Wochen ist gar nicht mehr so lang hin. 🙂
    Die Visums Beantragung mit dem ganzen Papierkram soll bestimmt abschreckend auf die Leute wirken.
    Liebe Grüße
    Myriam

    1. Das befürchte ich auch, aber es ist trotzdem etwas unnötig, finde ich. Das liegt aber natürlich auch daran, dass uns Deutschen in den meisten Ländern dieses hohe Antragspensum erspart bleibt.

  5. Nur noch 10 (!!!) Wochen! Wow, ich kann mir vorstellen, dass trotz der Reisen durch die Türkei Dein Aufregungspegel extrem ansteigt. Ich drück’ die Daumen für die Einreise und hoffe, es geht so erfolgreich weiter wie die Visumsbeantragung.

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